Aktionsbündnis Courage Logo
Presse   Aktion   Infos   Geschichtswerkstatt   Kultur   Chronik   Umfrage   Links   Über uns   Kontakt   Impressum  
Aktuelles für Pößneck       Newsletter       Radiobeiträge       Aus eigener Feder      
 
Presseartikel vom 08.06.2011 aus der OTZ.
 
Neonazis verlieren Schützenhaus in Pößneck an die Stadt
 
Die Stadt Pößneck kauft der rechtsextremen Szene das Schützenhaus ab. Einen entsprechenden Vertrag unterzeichneten am Dienstag Bürgermeister Michael Modde (Freie Wähler) und Holger Ernst Adolf Janßen, Direktor der britischen Firma Wilhelm Tietjen Stiftung für Fertilisation Limited, vor dem Notar Bernd Hopfmann in Pößneck.
 
Pößneck. Der Kauf tritt nach Zustimmung durch den Pößnecker Stadtrat in Kraft. Dieser tagt am 16. Juni und ein klares Ja gilt als sicher. Im kommunalen Parlament hatte man sich schon vor Jahren darauf geeinigt, den Neonazis das Schützenhaus zu entreißen, sobald sich eine günstige Gelegenheit ergibt.
 
Zum Kaufpreis sagte Modde nur, dass er per Verkehrswertgutachten ermittelt worden sei. Janßen gab überhaupt keinen Kommentar ab. Dem Vernehmen nach wechselt das Schützenhaus für 180 000 Euro den Besitzer. Das ist nicht einmal die Hälfte des Betrages, den die Stadt für diese Eventualität zurückgelegt hat. Und es ist nur ein Bruchteil der 1,5 Millionen Euro, die der frühere NPD-Spitzenpolitiker und Stiftungsdirektor Jürgen Rieger (1946-2009) vor vier Jahren gern gehabt hätte. Die so genannte Stiftung spielt nicht einmal die 360 000 Euro wieder ein, die Rieger vor acht Jahren für die Immobilie ausgegeben hatte.
 
"Wir haben ein großes Problem gelöst", sagte Modde wenige Minuten nach dem Notartermin. "Das Image unserer Stadt sollte uns diese Investition wert sein." Er gab zu verstehen, dass der gestrige Vertragsabschluss seit März vorbereitet wurde. Für die Stadt habe sich eine neue Chance ergeben, als Thomas "Steiner" Wulff, Führungsfigur in der deutschen Neonazi-Szene, im Februar von Janßen als Stiftungsdirektor abgelöst wurde, und diese sei ergriffen worden.
 
In den letzten Wochen sollen Baumaterialien und Mobiliar aus dem Schützenhaus abtransportiert worden sein. Gartendekorationen sind aus dem Vorhof des Gebäudes verschwunden, der plötzlich nicht mehr gepflegt wurde, und eine Pößneckerin hat beobachtet, dass sogar Kloschüsseln verladen worden seien. "Sollen sie doch ihren braunen Sch... mitnehmen", sagte Modde dazu.
 
Kommunalpolitiker reagierten am Dienstag noch zurückhaltend. "Wenn das so wird, dass wir das Schützenhaus zurück bekommen, ist es auf alle Fälle gut", sagte der Stadtratsvorsitzende Fritz Kleine (Linke). "Zwar ist damit das Rechtsextremismus-Problem insgesamt noch nicht gelöst, aber für Pößneck wäre erst einmal etwas Positives erreicht."
 
"Wenn wir das Schützenhaus kriegen, dürfen wir auf alle Fälle froh sein", meinte Dr. Thomas Weidermann (FDP/FW), Chef der größten Stadtratsfraktion. "Es ist der Wille der Bürger, dem wird Rechnung getragen", stellte Regina Stumpf aus der oppositionellen CDU-Fraktion fest, die vom gestrigen Kauf durch den OTZ-Anruf erfuhr.
 
"Es fällt uns ein großer Stein vom Herzen", war bei Landrat Frank Roßner (SPD) das Gefühl. Der Saale-Orla-Kreis und die Stadt Pößneck hatten gemeinsam dafür gesorgt, dass die rechte Szene kaum Spaß hatte im Schützenhaus. "Nazis sind in Pößneck nicht erwünscht", resümierte Roßner.
 
Modde will, dass die Einheimischen ihr altes Kulturhaus so schnell wie möglich quasi persönlich in Besitz nehmen können. So soll es am 18. Juni einen Tag der offenen Tür im Schützenhaus geben. Bei dieser Gelegenheit sollen auch Ideen zur Nachnutzung des Denkmals gesammelt werden.
 
Musikschule und Volkshochschule würden gut ins Schützenhaus passen, heißt es. Und seit längerem wird überlegt, das Freizeitzentrum vom Stadtrand ins Zentrum zu holen. Ganz aktuell ist im Gespräch, die ehemalige Schützenhaus-Gaststätte künftig als Mensa des etwa 100 Meter weit entfernten Pößnecker Gymnasiums zu nutzen.
 
"Billig wirds nicht", ist sich Modde über die notwendige Schützenhaus-Sanierung bewusst. Es werde auch Jahre dauern, bis das einst als "Pößnecker Schlösschen" vermarktete Gebäude komplett in altem Glanz erstrahlen wird.
 

ZURÜCK