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Der "Todesmarsch" durch Pößneck
 
Wir arbeiteten am Montag, dem 9. April, auf dem Felde, als sich von der Straße von Oppurg herauf ein Zug Menschen näherte. Es mochten vielleicht 300 bis 350 Mann sein. Soviel man durch die große Entfernung sehen konnte, waren es Zuchthaushäftlinge in schwarz-weiß gestreiften Anzügen, begleitet von einer Rotte wüst schreiender, peitschenschwingender Wärter mit ihren großen Schäferhunden (Bluthunden). Wiederholt hörte man auch Schüsse fallen. Um besser sehen zu können, stellte ich mich hinter einen Baum. Jetzt sah ich genau: das waren Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald, meist Juden, die von 20 bis 25jährigen strammen SS-Schergen eskortiert wurden.
 
Diese SS-Brüder sind natürlich unabkömmlich und reklamiert, während andere Kinder und Greise ihren Dienst in vorderster Front tun müssen. Die Häftlinge waren in ganz heruntergekommenen Zustande und konnten kaum noch vorwärts, hatten sie doch den fast 60 km langen Weg von Weimar bis Daumitsch schon hinter sich. Die wohlgemästeten Schergen schrieen und schlugen auf die zusammenbrechenden ein und sie dauernd zum weitergehen (Weiterschleichen) an. Oftmals fiel einer hin, dann purzelten die dahindösenden Nachfolgenden über den Ärmsten her und bildeten ein unentwirrbares Knäuel. Aber gleich sprangen die SS- und Bluthunde herbei und trieben mit Schlägen und Schüssen die Gefallenen wieder auf die Beine. Manche der Häftlinge waren aber so schwach, dass sie trotz der Gummiknüppelhiebe nicht mehr von selbst aufstanden, sondern auf die Beine gestellt werden mussten. Als einer der Wärter meiner ansichtig wurde, belferte er mich an, mich da weg zu scheren, wenn die am Schluß mit den Hunden kämen, würden sie eins der Viecher auf mich hetzen. Hier gäbe es nichts für mich zu sehen. In dem Zuge marschierten meistens Männer zwischen 35 und 45 Jahren, hager und abgemagert, blaß und hohläugig, die sich dahinschleppten wie Greise. Einige Jünglinge waren dabei, 17 bis 20 Jahre alt, die reinsten Skelette. Zum Schluss sah ich noch, wie ein Mann mittleren Alters von einem der SS-Schweine im Genick gepackt, in den Wald geschleppt wurde: ‚Komm hierher, hier ist es kühl’ – dann riß er seinen Revolver heraus und gab ihm, nachdem er ihn durch einen Tritt ins Gesäß mit dem Kopf zu Boden geworfen hatte, drei Schüsse in den Hinterkopf.
 
[…] Am Abend forderte der Daumitscher Bürgermeister die männlichen Bewohner auf, die Toten, es lagen wohl zwölf in der Daumitscher Flur, zu begraben. […] Die Toten wurden in einem Massengrabe an einer Waldschneise zur Ruhe gebettet. […]
 
[10. April] Gegen 10 Uhr früh passiert ein Zug von etwa 5000 [?] Gefangenen des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar in unbeschreiblichen Zustande die Stadt in Richtung Ziegenrück. Es soll sich um lauter Juden handeln. Die erbarmungswürdigen Menschen brachen fast zusammen vor Müdigkeit und Hunger. Barmherzige Volksgenossen, die Brot überlassen, werden von den Bewachungsmannschaften und einem 150 %igen zurückgetrieben. Bewohner der Nachbarorte erzählen man habe viele der Unglücklichen tot oder halbtot in den Straßengräben liegen sehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Tiefflieger aus Unkenntnis in die Marschkolonne geschossen haben.
 
Aus: Die Schreckenswoche in Pößneck. Manuskript aus dem Nachlaß von Herrn Metzler