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Die letzten Monate in Pößneck vor dem Zusammenbruch
 
Ein Rückblick
 
An der Jahreswende war es früher üblich, dass die Zeitungen Rückblicke veröffentlichten, die einen Querschnitt durch das politische Leben des zur Neige gehenden Jahres, zugleich aber auch einen Aufriss der wichtigsten lokalen Ereignisse gaben. Die Quelle für solche Arbeiten war die eigene Zeitung.
Nach der Wegnahme der Arbeiterpresse im Jahre 1933 gab es nur noch nazistische oder zwangsläufig im nazistischen Fahrwasser segelnde Zeitungen, und in ihnen spiegelte sich das Zeitgeschehen in der Form wider, wie es die einseitig gefärbte Propagandabrille sah und sehen musste. Mit dem Zusammenschrumpfen des Umfangs der Zeitungen und dem späteren Schrumpfen der Zahl der Blätter seit April 1943 gab es nur noch eine rein nazistische Parteipresse waren die "Jahresrückblicke" immer kümmerlicher geworden. Die wichtigsten Vorgänge durften auf Anordnung nicht mehr verzeichnet werden, weil dadurch "Staatsinteressen" oder die "Sicherheit" gefährdet wurden.
Dadurch ist der Nachwelt aus der unseligen Kriegszeit nichts durch die Zeitungen überliefert, mit dem sich jemand ein Bild von der Not der Heimat und ihrer Sorge machen könnte. Ja, es gab noch nicht einmal eine Notiz etwa über den ersten Schneefall oder eine Bemerkung, dass eine Veranstaltung bei Sonnenschein oder bei Regenwetter vor sich gegangen wäre; selbst das war ja verboten!
So konnte man in der Presse z. B. nichts darüber lesen, dass in der Nacht zum 19. Juli 1940 überraschend die ersten vier Bomben bei Herschdorf fielen, dass in der Nacht vom 16. zum 17. August 1940 erster Fliegeralarm war. Nichts verzeichnete die Presse von Vorgängen, wie etwa der Verhaftungswelle in der Nacht zum 22. August 1944, wo auch in Pößneck eine größere Anzahl sozialdemokratischer und kommunistischer Funktionäre verhaftet und nach dem Konzentrationslager Buchenwald gebracht wurden. Wie sich das Kriegsgeschehen in unserer Heimat abspielte, darüber durfte rein gar nichts veröffentlicht werden. In einer privaten Niederschrift aber sind die Ereignisse der letzten Monate vor dem Zusammenbruch niedergelegt, wie sie sich in Pößneck im Großen gesehen abzeichneten. Lassen wir im Folgenden die Tagbuchblätter für sich selbst sprechen:
 
10. Januar 1945: Tief greift der Krieg in das Leben der Heimat ein. Noch sind die Bombengewitter zwar gnädig an unserer Heimat vorbeigegangen. Aber rund um Thüringen sind Industriewerke, Bahnanlagen, Versorgungswerke zerschlagen. Industrieverlagerungen erfolgten. Aus dem Westen und Norden Deutschlands sind fremde Unternehmen in die Stadt gekommen: Aus Hamburg die Maihak, aus Aachen die Philipps Werke usw. Die Pößnecker alte Friedensproduktion der Tuchfabriken ist so gut wie völlig ausgeschaltet; Militärtuch ist Trumpf. Dabei laufen nur noch Teile der Tuchfabriken. Siegel & Schütze, als die größte und modernste Fabrik, ist seit langem stillgelegt. In ihr ist die Maihak. Horn & Co. liegt still. Die "Entente" (Woelfel & Sohn, Chr. Fr. Bernhardt, Büttner & Freysoldt) produziert nur noch in den Räumen der Woelfelschen Anlage.
 
Auch die Brüderleinschen Lederwerke mussten ihren Betrieb einschränken und Produktionsräume für die Kriegsindustrie freimachen. Im Vogel Verlag ist eine Fertigungsabteilung von Zeiss in Jena, im Gerold Verlag eine solche der Saalfelder Apparatebau Gesellschaft und der Optischen Anstalt Saalfeld. Selbst die Schokoladenfabrik Berger hat eine Rüstungsabteilung von BMW. Das Einrichten der neuen Betriebe und das Umschulen von Arbeitskräften verschlingt Zeit und Material. Und immer noch wird verkündet, es werde mehr denn je produziert!
Zu allen Schwierigkeiten kommen Kohlenmangel und Transportnöte. Der elektrische Storm reicht nicht mehr aus. Stromsperren wurden in einem bestimmten Turnus eingelegt, so kommt es, dass heute dieser, morgen jener Betrieb am Tage nicht arbeiten kann. Der Ausgleich wird durch Nachtarbeit gesucht. An Normalarbeitstagen wird meist 12 Stunden gearbeitet. Die Arbeiter schaffen nicht dem Entgelt zuliebe in Überstunden, sondern um die Langarbeiterkarte zu bekommen.
 
22. Januar 1945: Als im November 1944 der "Volkssturm" aufgerufen wurde, glaubten die meisten darin ein politisches Mittel sehen zu können, dass alle Arbeiter unter Militärgesetz bringen wollte. Jeden Sonntagvormittag ist Dienst! Gestern aber sind die ersten Order an Volkssturmangehörige zur Marschkompanie ergangen und morgen soll's abgehen an die Front. Was sollen die unausgebildeten Männer dort?
 
24. Januar: Die zur Marschkompanie einberufenen Männer sind wieder entlassen worden.
 
30. Januar: In dieser Woche müssen zwei Tage wegen Stromsperre ausgesetzt werden, das bedeutet Einlage von zwei Nachtschichten.
 
3. Februar: Die Lage bei uns wird bitter ernst. Die Stimmung ist nervös. Der Glaube bei den allermeisten dahin. Bettlerunwesen macht sich als Zeichen der Not breit. Ostarbeiter kommen selbst von Großeutersdorf über den Wald herauf, um zusätzlich etwas Brot zu erhalten. Diebstähle mehren sich.
 
6. Februar (Dienstag): Heute Mittag bei dicker, dichter Wolkendecke gegen ½ 2 Uhr Großalarm. Der Drahtfunk meldete, dass über dem gesamten Gaugebiet schwere angloamerikanische Kampfflugzeuge in großer Zahl mit wechselndem Kurs kreuzen. Kurz vor 2 Uhr ein Rauschen, dann ein Schüttern und Beben in der Luft, aber nur eine schwache Detonation. Es wurden 12 Bomben geworfen, die im Gelände am Oberen Bahnhof einschlugen. Eine traf die Rangiergleise, eine den Weg unterhalb der Holztreppe zum Bahnhof, eine saß unmittelbar neben der Wäschefabrik von Wagner & Walther, und die letzte direkte in der Kotschau neben der Gutenbergstraße. Hunderte zertrümmerter Fensterscheiben und Dachziegel, zerfetzte Bäume und tiefe Sprengtrichter. Einige Leichtverletzte gab es im Luftschutzkeller von Wagner & Walther. Das war der erste Bombenfall im Stadtgebiet; einzelne früher geworfene Bomben lagen immer im freien Gelände. Wieder sind auch Evakuierte hier angekommen, diesmal aus dem Osten. Das ist aber kein Vergleich mehr zu den organisierten Evakuierungen am Anfang des Krieges. Hier spricht das Elend an. In den umliegenden Orten sind die Säle zu Massenquartieren eingerichtet worden.
 
9. Februar: Alarm.
 
14. Februar: In der Nacht zweimal Alarm, Große Verbände überfliegen unsere Gegend nach Osten. Es gab einen Angriff in Richtung Zeitz. Der Himmel war von Explosionen dauernd erleuchtet. Nach der Entwarnung bemerkte man in Richtung Saalfeld Feuerschein, Die Menschen sind völlig verängstigt. Die öffentlichen Luftschutzkeller wie der an der Bernhardstraße, in der Raingasse, im ehemaligen "Löwen" sind überfüllt, sobald nur Voralarm gegeben wird. Aus dem westlichen Stadtteil eilen die Einwohner zu Hunderten in den Felsenkeller des Oepitzer Rosengartens. Das Grauen ergreift alle.
 
15. Februar: In der Nacht wieder zweimal Alarm. Der Angriff galt Chemnitz und Zwickau.
In der Mittagszeit 2 Stunden Fliegeralarm. Jetzt strömen große Scharen von Pößnecker und Oepitzer und Schlettweiner Einwohner nach dem Oepitzer Kalkwerk, wo sich ein sehr tiefer Stollen befindet, über dem eine gewachsene Felsenschicht von fast 30 m größte Sicherheit bietet.
 
19. Februar: Es ist zu einem "Volksopfer" aufgerufen worden, aus dem Bedürftige und der Volkssturm mit Spinnstoffen versehen werden sollen. Vor allem sollten alle Formationsangehörige ihre Uniformen abgeben. Die Uniformabgabe ist bitter vermerkt worden, denn es hieß: "Aha, jetzt will keiner mehr eine braune Uniform haben!"
 
20. Februar: Alarm Alarm! Bei Tage und in der Nacht.
 
21. Februar: Vormittag 11 Uhr wieder Alarm. Über unsere Gegend flogen nur einige Jäger, die Masse der Kampfverbände drehte nach Süden ab. Von einer deutschen Fliegerabwehr ist nichts zu bemerkten. Eine üble Zeiterscheinung: Auf dem Saalfelder Taubenmarkt werden selbst rasselose Tauben das Stück bis zu 40 Mark gekauft. Es gibt da Konjunkturritter, die aus der Not ein Geschäft machen.
 
23. Februar: Von ½ 11 bis ¼ 13 Uhr Alarm. Fernes Rollen von Bombenschlägen.
 
24. Februar: Aus den Betrieben sind Holzfällerkommandos im Walde, um Brennmaterial zu gewinnen. Die Kohlenzufuhr ist völlig unzureichend. Die Lokomotiven werden jetzt mit Braunkohle geheizt. Nachts sind die Züge mit einem leuchtenden Funkenregen umhüllt. Grasbrände an den Böschungen sind allenthalben zu bemerken.
 
26. Februar: Gestern Sonntagabend ½ 9 Uhr Alarm. Schwere Bombenwürfe in Richtung Weimar Jena. Der Himmel wie bei einem Feuerwerk erleuchtet.
 
27. Februar: Gestern Nacht Alarm. Heute Mittag von ½ 2 bis ¼ 4 Uhr Alarm, Bomben im Raum Leipzig. Die Menschen kommen nicht mehr zur Ruhe! N a c h der Vor Entwarnung plötzlich neun Tiefflieger am Himmel. Angriff auf ein Lager der OT. am Bahnhof Könitz. Ein Toter. Zwei Fesselballons an der Sperrmauer bei Hohenwarte abgeschossen. Nach der Vorentwarnung waren die Straßen von aus den Kellern kommenden Schutzsuchenden wie zum Jahrmarkt belebt. Beim Auftauchen der Tiefflieger waren sie im Handumdrehen leergefegt. Es ist eine viel größere Vorsicht als etwa noch vor 4 Wochen, wo es nur ab und zu Alarm gab. Die Front rückt noch nicht näher, aber der Krieg!
 
28. Februar: Gegen 15 Uhr kurzer Alarm.
 
1. März: Gestern Abend gegen 8 Uhr, ohne dass Flugzeuge in unsere Nähe kommen. Goebbels sprach im Rundfunk, aber er wurde abgeschaltet; es kamen Luftlagemeldungen. Die Unternehmer und Betriebsobleute hatten eine "wichtige" Sitzung, Luftschutzbunker sollten gebaut werden, Splittergräben wären wertlos. Man solle Maschinen verlagern in die Dörfer. Jetzt! Jetzt!!
 
2. März: Und wieder nachts Alarm. Angriff auf Erfurt, auf Chemnitz, auf Berlin . . . Um 10 Uhr vormittags abermals Alarm. Bomben in Saalfeld. Man spricht von 6 Toten, Bombenwürfe auf Chemnitz, Dresden, Magdeburg.
 
3. März: Gestern Abend bis 22 Uhr lösten sich Öffentliche Luftwarnung und Vollalarm in bunter Folge ab. Es hat kaum noch Sinn, sich für den Abend irgendetwas vorzunehmen. Man wundert sich, dass immer noch viele Einwohner in die 8 Uhr Vorstellung des Kinos gehen. Wie oft geschieht es jetzt, dass kurz nach dem Vorfilm Luftwarnung gegeben wird; dann ist das Haus zu räumen. Manchmal drücken sich die Besucher auch in den Straßen herum, wenn vorher Luftwarnung durch die elektrischen Sirenen kam, um bei Entwarnung zum Kino zu eilen. Selbstverständlich erhält beim Ausfall der Vorführung keiner sein Geld zurück … Heute Vormittag um 10 Uhr heulten de Sirenen Vollalarm, der bis 12 Uhr anhielt. Rückflüge aus Sachsen. Bei den Rückflügen stehen viele Neugierige obwohl es verboten ist, vor den Häusern und in Höfen und blicken auf die Geschwader, die wie zur Parade unbehindert dahinfliegen, immer in Gruppen zu etwa einem Dutzend, aber in breiter Front. Ein Zittern und Dröhnen ist da in der Luft. Manchmal sind die Flugzeuge so hoch, dass man sie nur als silbrige Pünktchen wahrnimmt; dann ziehen sie lange Kondensstreifen in die Himmelsbläue. Ja, es kommt vor, dass nach dem Abflug großer Verbände der vorher frühlingsklare wolkenlose Himmel mit einer grauweißen Schleierschicht überzogen ist. Manchmal fliegen die Verbände aber auch niedriger, dass man die Riesenflugzeuge wie große Vögel erkennt. Die größeren Kinder werfen dann mit Namen um sich, de den Bautyp bezeichnen. Und um die geschlossen fliegenden Gruppen kreisen oft wie schnelle Hunde um eine Herde wendige Jagdmaschinen. Von deutschen Flugzeugen aber kein Spur. Einen bitteren Witz hörte ich: "Siehst du: die glitzrigen Flugzeuge, das sind die Amerikaner, die dunklen, das sind die Engländer und die du gar nicht siehst, das sind die Deutschen!"
 
5. März: Gegen ½ 21 Uhr wieder Alarm. Jetzt ist es soweit, dass schon einige Mütter mit ihren Kindern im Luftschutzkeller schlafen. Bei Vollalarm sind dort Hunderte zu finden. In Ranis ist beim Kreishaus und beim Sportplatz und unterhalb des Krankenhauses je eine Bombe gefallen. Sonntag, der 4. März, war ohne Alarm.
 
7. März: Abends ½ 20 Uhr Alarm. Die Arbeit in den Betrieben wird erst "bei akuter Gefahr" eingestellt. Der Ausfall an Arbeitszeit ist nicht mehr auszugleichen, Diebstähle häufen sich. Jeweils bei Alarm müssen nachts Luftschutztrupps in die Betriebe eilen, um die ständigen Luftschutzbereitschaften zu verstärken.
 
12. März: Öffentliche Luftwarnung und Alarm sind fast täglich, oft mehrmals am Tag. Man rechnet vormittags 10 Uhr und abends nach 8 Uhr damit. Das Elend zieht über Deutschlands Straßen … Heute ist ein Treck mit Ostevakuierten durchgekommen. Seit Wochen fahren die armen Menschen nach Westen. Die Dörfer rundum sind von Evakuierten voll gestopft. Dazu kommen noch viel Fremdarbeiter. Im Orlatal und in den Gipsbergen zwischen Krölpa und Oepitz ist mit dem Bau unterirdischer Werke begonnen worden. Man schüttelt mit dem Kopfe.
 
15. März: Gestern nach 21 Uhr wieder mal Großalarm. Die Spitzen der schweren Verbände sind nur bis Westsachsen geflogen. Einige Bomben fielen in der Nähe der Bahn bei Saalfeld. In jeder Gegend ist ein alter Stollen, in dem 15 Personen Zuflucht gesucht hatten. Durch eine Bombe wurde der Eingang verschüttet. 13 Personen sind erstickt.
 
16. März: Kurz vor 21 Uhr gestern Abend Alarm.
 
19. März: Heute Mittag ganz großer Alarm. Richtung der Kampfflugzeuge war Sachsen. Beim Rückflug fiel eine Bombe auf ein Feld bei der ehemaligen Schlettweiner Ziegelei. Vorgestern (17.3.) ist Jena hart angeschlagen worden. Bahnhof, Post, Universität die ganze Innenstadt ist hin. Bombenwürfe wurden auch vor Göschwitz und Schwarza berichtet.
 
22. März: Alarm Alarm! Am 19. März sollen 600 Bomben auf Jena geworfen worden sein.
 
26. März: Die Tage seither geringe Fliegertätigkeit. Heute Nachmittag ¾ 2 bis ¼ 4 Uhr Großalarm. Bomben über Greiz und Plauen. Von Pößneck aus wurden die Abwurfzeichen bemerkt und darauf das Schüttern wie bei einem Erdbeben gespürt.
 
28. März: Die Stimmung ist auf Null. In der Stadt sieht man die ersten uniform9ierten Volkssturmmänner; aber was für Uniformen! Zusammengestoppeltes Zeug. Die Gerüchte sch8ießen wie Pilze aus der Erde. Heute erzählte man, bei Nürnberg, bei Coburg und Fulda seien englische Fallschirmjäger gelandet. Die Nervosität und Unruhe wird besonders gesteigert, weil jetzt da und dort Panzerabwehrgräben und Panzersperren an den Durchgangsstraßen gebaut werden sollen. Das kann niemand begreifen, denn kaum ein Vernünftiger hat für möglich gehalten, dass der Krieg der Krieg zu Lande bis in das Herz Deutschlands getragen werden könnte.
 
3. April: Dritter Ostertag. Tage schwerer Nervosität sind vorbei. Die Amerikaner stehen bei Eisenach, Wasungen, Meiningen. Sehr bedrückend war der 1. Feiertag. Überall "Volkssturm" Dienst. Es wird darauf hingewiesen, dass jeder der bei der Annäherung der Amerikaner die weiße Fahne hisse, erschossen würde. Gerüchte schwirrten. Auf den Straßen Militärautos. Lazarette werden geräumt. (In Pößneck Schützenhaus und Hotel Ritter.) Am 2. Feiertag flüsterte man sich zu, die Engländer seien bei Erfurt. Ja, es sollten Panzerspitzen bei Ilmenau gesehen worden sein. Die in der Landwirtschaft eingesetzten französischen Kriegsgefangenen wurden am 2. Feiertag fortgebracht.
 
4. April: Die ganze Nacht über auf den Straßen Riesenverkehr. Autos rasseln. Kolonnen marschieren. Viele, viele fremdvölkische Menschen, auch Frauen und Kinder sind dabei, ziehen zu Fuß nach Osten. Es ist ein Elensdszug, der einen jammert. Mutlos ist die ganze Bevölkerung. Der Thüringer Drahtfunk gibt kein klares Bild der Luftlage. Die Gerüchte blähen sich auf. Weimar soll besetzt sein. Alles wartet, wartet . . . Jetzt soll sich der deutsche Widerstand verdichten. Dann Gnade unserer Heimat! … Pößneck gleicht jetzt einem Heerlager.
 
5. April: Die Gerüchte werden immer umfänglicher. Aus einem Nachbarort wird berichtet, der Bürgermeister sei herumgegangen und habe mitgeteilt, die Schule falle aus. (Praktisch ist seit vielen Wochen kein geregelter Schulbetrieb mehr wegen der Fliegertätigkeit.) Die Kinder sollen fortgebracht werden. Panzer sollen bei Rottenbach gesichert worden sein. Erste Mütter nehmen ihre Kinder und verstecken sich in nahen Wäldern. Fliegeralarm! Wieder durchziehende fremdvölkische Menschen auf den Straßen.
 
6. April: Gestern Abend waren die Straßen der Stadt voller Menschen, es war wie früher, wenn Fabrikschluss war. Gekauft wird, was irgend an Bezugsmarken vorhandne ist. Die Stimmung ist ruhiger geworden, obwohl es nicht weniger Gerüchte geworden sind. Und was für Gerüchte! So soll Bürgermeister Freeß abgesetzt worden sein, weil er verhindern wolle, dass Pößneck verteidigt wird. An seine Stelle wäre Greyling getreten. Pößnecker Einwohner, die oben an der Saale Landhäuser haben, ziehen mit Lastautos um. Der Zug der Menschen nach Osten hat aufgehört, wenigstens im Großen gesehen. Die seit Tagen einzeln und in kleinen Trupps über die Straßen tippelnden Soldaten ein erschütterndes Zeichen der Auflösung sind auch nicht mehr das beherrschende Bild. Eine Reihe von Pößnecker Betrieben hat geschlossen.
 
7. April: Es ist regnerisches Wetter. In der Nacht keine Truppenbewegungen mehr. Die einzeln marschierenden Soldaten sind verschwunden. Seit gestern früh scharfe Kontrollen aller Fahrzeuge, auch Fahrräder, über Marschziel der Uniformierten. In der Rosenbrauerei ist eine militärische Auffangstelle eingerichtet worden. Aber Fahrräder werden gestohlen. Jungen, richtige Jungen, ziehen als "Volksstürmler", mit Panzerfäusten bewaffnet, durch die Stadt. Heute ist der 15. Fahrraddiebstahl gemeldet. Die Lebensmittelgeschäfte geben 8 Eier, Pfefferkuchen, Zuckerwaren aus. Schlagen stehen vor den Läden.
 
8. April: Ein schwarzer Tag für die Stadt! Ein nach dem Wetter schöner Sonntag war angebrochen. Blauer Himmel, lachender Sonnenschein. Über der Stadt im Kotschautal ein feiner Dunstschleier. Das 3, Bataillon vom Volkssturm war zum "Dienst" im Walde am Kuhteich angetreten. Eine kurze Ansprache von Freeß und Weinert, die Gerüchte über Einstellung zur Verteidigung oder Nichtverteidigung der Stadt entgegentraten. Während der Ansprache tauchten kleinere Pulks von Flugzeugen auf. Aus der Stadt kein Sirenenton. Die Volksstürmler bekommen Anweisung, einzeln zur Stadt zurückzukehren. Plötzlich tauchten wieder 6 Flugzeuge auf und man hörte einen Feuerstoß (es soll mit einem Maschinengewehr von der Stadt aus nach den ziemlich niedrig fliegenden Maschinen geschossen worden sein.) Kurz nach dem Feuerstoß ein Rauschen und Zischen, darauf ein Dröhnen Qualmpilze schossen über der nordöstlichen Stadt hoch. Kurz darauf ein neues Rauschen ein neues dumpfes Krachen eine neue Rauchsäule diesmal mehr östlich, aber auch über der Stadt. Von der Hohen Straße über die Bärenleite bis zum Unteren Bahnhof lagen die Treffer. Einige Häuser an der Hohen Straße sind wie weggeblasen. Schlimmer sind die Verheerungen im Jüdeweiner Industrieviertel. Ein Fabrikgebäude von Horn & Co., ist völlig ausgebrannt, die Fabrikanlage von Grimm & Co., in der sich auch die großen Werkstatträume der Möbelwerkstätten von Hermann Telz befanden, ist niedergebrannt. Das Woelfelsche Wollager (früher Fabrikgebäude von König & Siegel) ist ebenfalls ausgebrannt. Vom Viktor Wegelschen Geschäftshaus brannte der Dachstuhl ab, Bomben fielen auch in das Kesselhaus von Woelfel & Sohn und zerstörten es völlig. Eine Baracke, in der vorher Ostarbeiter untergebracht waren, ist vernichtet. Auf dem Viehmarkt liegen Bomben. Als das Woelfelsche Wollager brannte, drohte das Feuer auf die Niederlage von C. G. Weithase überzugreifen. Das Dach brannte bereits. Im letzten Augenblick gelang es, das Gebäude zu retten. Eine Bombe krepierte im Hofe von Otto Greßmann. Viele Häuser in der Nähe der Bombentrichter erlitten zum Teil erhebliche Schäden. Die Bomben warfen zwei Pulks schneller zweimotoriger Flugzeuge. Die Einwohnerschaft ist schreckhaft erstarrt. In Saalfeld wurde gestern die Straßenbrücke über die Eisenbahn am Bürgerlichen Brauhaus zusammengeschlagen.
 
9. April: Der längste Vollalarm, Stundenlang saßen wir im Keller. Inder Mittagsstunde fiel in Richtung Oppurg eine Bombe. Seit ½ 12 Uhr mittags ist der Strom ausgeblieben; keine Maschine läuft mehr, kein Radio geht, kein Licht brennt. (Nachschrift. Es bedurfte wochenlanger Bemühungen, bis die Stromversorgung wieder in Gang gesetzt werden konnte.) Gegen 6 Uhr nachmittags: die schwersten Stunden für Pößneck! In den Nachmittagsstunden heulten die Sirenen Öffentliche Luftwarnung: dreimaliger Dauerton. Kurz darauf Vollalarm: lange auf und ab schwellender Heulton, und wieder kurz darauf die ersten Bombenschläge beim Galgenberg und in der Griebse. Dann zwischen Oberem Bahnhof und Georgstraße, dann zwischen den "breiten Steg" (hinter Siegel & Schütze) bis zur Mitte der Gerberstraße, dann bei der Bärenleite. Ein entsetzliches Bild, diese Trümmer, diese Aufregung, dieses Jammern und Hilflossein. Das Haus von Langguth an der Georgstraße, zwischen Villa Merx und Metzel, ist vom Erdboden verschwunden. Erschütternd ist die Verwüstung der Häuserzeile an der Gerberstraße und in den Gärten am ehemaligen Bachrand. Überall in den Straßen Staub, Dreck, Ziegelsteine, Glassplitter, Gequälte Menschen hasten bepackt durch die Stadt. Die Einwohnerschaft ist zermürbt. In der Nacht schliefen wohl alle in den Kleidern. In den Luftschutzräumen, vor allem im Stollen auf dem Oepitzer Felsenberg schliefen viele, viele.
 
10. April: Heute ist dichter Nebel. Die Bevölkerung ersehnt sich schlechtes, schlechtes Wetter für einige Tage, dann wird der Krieg wohl an ihr vorbei sein! Gestern es wird heute erzählt waren auch in Neustadt Brände. Bei der Harrasmühle wurde ein Munitionszug getroffen, der dort seit langem stand, Entsetzliche Explosion! Die Maxhütte ist getroffen. Der Saalfelder Bahnhof schwer mitgenommen. Jammer ringsum. In den Betrieben ist kaum noch jemand.
 
11. April: Um 2 Uhr nachmittags Alarm. Um 3 Uhr tauchten verschiedene Pulks auf. Einer schwenkte direkt auf die Stadt ein, Wir schnell in den Keller. Und schon krachte es. Ein Erdbeben schien losgebrochen. Frauen schreien und jammerten. Türen flogen auf. Klirren und Bersten. Das Bahnhofsgelände ist schwer getroffen. Das Hauptgebäude steht zwar, aber unmittelbar daneben bis zum Güterschuppen liegt Bombentrichter neben Bombentrichter. Der Güterschuppen ist hin, Möbelwagen, Eisenbahnwaggons, Schienen wurden zerrissen und durch die Luft gewirbelt. Wie stark der Druck war, geht daraus hervor, dass die zentnerschwere Achse eines Möbelwagens über das Tal hinweg bis in die Gärtnerei Frische geschleudert wurde. Der ganze westliche Stadtteil war ein eine schwarze, undurchdringliche Qualmwolke gehüllt. Fast unzählige Fensterscheiben sind herausgerissen worden.
 
12. April: Der Volkssturm rückte gestern Nacht in Zivil, ohne Waffe, aus. Richtung Zeutsch. Tiefdunkle Nacht. In der Ferne Artilleriefeuer. In Jena und Rudolstadt sollen die Amerikaner bereits sein. In der Nacht laufend Truppendurchzüge. Die Bevölkerung verängstigt. Die Kaufläden überfüllt. Alle versuchen Vorgriffe auf ihre Lebensmittelkarten zu machen.
 
13. April: Bestürzung bei allen. Überall werden Panzersperren gebaut. Vor der Stadt, in den Dörfern, vor den Dörfern, im Walde. So ein Irrsinn! Und Deckungslöcher werden in Vorgärten gewühlt. Erbitterung kommt auf.
 
14. April (Sonnabend): Die ganze Nacht über Artilleriefeuer. Vom Saaltal über die Heide herüber nach der Stadt. Eine Anzahl Einschläge, aber nicht das furchtbare Erleben wie bei den Bombenschlägen. Doch die Luftschutzkeller sind überfüllt. Gestern hat sich der Nazi Ortsgruppenleiter der Stadt Pößneck mit Mutter, Frau und zwei Kindern selbst entleibt. Das erlösende Gerücht geht um: Die Stadt wird den Amerikanern kampflos übergeben. In Großkamsdorf sind die Amerikaner. Gott sei Dank! Der "Volkssturm" ist aufgelöst. Wer den Befehl gab? Egal: er ist aufgelöst. Pößneck hatte rund 240mal Fliegeralarm. Der erste Alarm war am 17. August 1940, der letzte am 13. April 1945.
 
19. April: Fünf Tage sind in die Vergangenheit gesunken. Unglaublich waren das Gerüchtemachen, die Verängstigung, die Leidenschaftlichkeit gewesen, die sich am 14. April gegen Abend und in der Sonntagsfrühe des 15. zeigten. In der Nacht zum 15. sah man noch einige deutsche Soldaten, die letzten am Sonntag früh; sie standen außerhalb Posten und waren ohne Benachrichtigung von ihrer abgezogenen Truppe "vergessen" worden. Aber die Wohltat: Keine Angst mehr vor Fliegerangriffen, kein Alarm! Der Krieg ist über uns hinweg! Es hat sich durchgesprochen: Hinter Schlettwein, beim Schmorteich, sind Mitte der vorigen Woche von SS Leuten fünf Italiener erschossen worden. Sie sollen gebettelt haben! Furchtbar, furchtbar! Vor kurzem ging auch, nein, wurde ein Elendszug von Häftlingen aus dem Konzentrationslager Buchenwald durch Pößneck getrieben. Richtung Schleiz. Augenzeugen berichten erschüttert, wie grauenvoll der Anblick und wie grausam das Begleitpersonal war. Zahlreiche Häftlinge sind bei Entkräftung niedergeschlagen oder erschossen worden. Arme, gequälte Menschheit! Am Sonntag, dem 15. April, früh ein einziges Aufatmen: Die Panzersperren wurden nicht geschlossen. Wohl wurden weiter abseits im Walde und an den Ausfallstraßen Bäume gefällt und über die Straßen geworfen. Aber niemand lag in den Panzerlöchern. Am Sonnabend und in der Nacht zum Sonntag der Irrsinn der Brückensprengungen. In Krölpa die Brücke über den Dorfbach und die Eisenbahnbrücke über die Straße. (Die Eisenbahnbrücke stürzte so ab, dass der Straßenverkehr nicht behindert war.) Die Brücke im Ortsteil Köstitz. Das Brücklein über die Kotschau beim Gaswerk. Die Brücken bei Freienorla. Die neue Riesenbrücke kaum fertig gestellt an der Linkenmühle. Am Sonnabendmittag sind die Amerikaner im Dorfe Krölpa. Da fallen ein paar Schüsse. Die Amerikaner ziehen sich zurück. Dafür fliegen einige Granaten in den Ort. Die Zwiebel des Kirchturms wird weggerissen. Hunderte von Panzern sind am Sonnabend über Dobian nach Ranis gerollt. In Pößneck nervöses Warten es ereignet sich nichts. Die Spannung reißt an den Nerven. In den späten Vormittagsstunden des Sonntag (15. April) rückten die Amerikaner von Oepitz her in die Stadt ein. Von Ranis her waren sie schon Stunden vorher gekommen. An jedem Hause, vor jeder Wohnung ein weißes Tuch. Der Kampfkommandant von Pößneck war in der Nacht verschwunden. Die Polizei eilte durch die Straßen und rief aus, die Stadt ist übergeben! Bald wurde durchgesagt, dass bis nachmittags 4 Uhr sämtliche Waffen abzugeben seien. Auch Photoapparate. Wohnungen mussten geräumt werden. Amerikanische Besatzung zog ein. Betroffen waren vor allem Georgstraße, Altenburgring, Diezstraße, Am Lämmerberg, Hohe Straße, Siedlung am Galgenberg. In Oepitz die Häuser am Brandensteiner Weg. Die Ausgehzeit wurde zunächst von 7 bis 19 Uhr festgelegt. Niemand durfte über 6 km hinaus das Stadtgebiet verlassen. Schlagen von Menschen standen vor den Lebensmittelgeschäften. Wehrmachts- und Volkssturmlager wurden verteilt, leider nicht organisiert. Einer erraffte viel, andere bekamen wenig oder nichts. Die durch Bombentreffer schwer angeschlagene Wäschefabrik von Wagner & Walther wurde von einer großen Menge geplündert. Für fast ¼ Million RM. Sachen wurden weggeschafft nein weggeschleppt und weggefahren. Der letzte Rest von Verstand und Haltung schien verloren zu sein. Viele wollten ihr Gewissen damit beruhigen, dass sie sagten: Die Waren wären freigegeben worden, weil die Fabrik gesprengt werden solle.
 
13. Mai: Es könnte vieles berichtet werden aus der ersten Zeit nach der Besetzung durch die amerikanischen Truppen, so Ansätze zu Parteienbildung usw. Doch nur soviel sei niedergeschrieben: Im Großen und Ganzen nahm alles einen Verlauf, wie es die allermeisten nicht erwartet hatten nach all dem, was vorher immer gepredigt worden war: es kam nämlich besser, als angenommen worden war. Ein sehr schweres Problem ist die Frage der vielen Ausländer, die von Sauckel aus allen Teilen Europas auch nach hier geschleppt worden waren. Nach dem vorherigen Druck und Zwang, unter dem sie standen, war ihnen nun Freiheit geworden. Der lange genährte Hass machte sich hier und da Luft. Wiederholt mussten die Besatzungstruppen um Schutz gebeten werden.
 
Heute, am 13., sind die Franzosen abtransportiert worden. Morgen sollen die Italiener abfahren. Dann sollen die Russen folgen und auch die Polen. Ja, gesündigt worden ist in den letzten Jahren zu viel, viel zu viel. Und wer Unrecht tut, wird Unrecht leiden, und wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert fallen. Seit 12 Jahren war es verpönt zu sagen: "Nie wieder Krieg!" Nun aber hat das Wort einen neuen Sinn erhalten.
 
19. Mai: Am Nachmittag durchfahren 45 mit russischen Zivilarbeitern besetzte, geschmückte amerikanische Lastwagen in östlicher Richtung die Stadt, die roten Fahnen wehten im Winde. Frohe, glückliche Gesichter spiegelten Heimatfreude wider. Nur die Italiener sind noch hier. Die Zahl der Schwerverletzten durch Fliegereinwirkung betrug nach Angaben des Roten Kreuzes 54, die Zahl der Leichtverletzten 210. Die Zahl der Toten 58. In einem gemeinschaftlichen Grabe wurden 36 Leichen zur letzten Ruhe gebettet. Der durch Fliegereinwirkung und Beschuss in Pößneck angerichtete Schaden wird auf 23/4 Millionen RM geschätzt. Zerstört wurden 92 Wohnungen, unbenutzbar sind 70, leichter beschädigt 260.
 
2. Juli: Gestern Nachmittag erzählte man, russische Offiziere seien in Pößneck angekommen. In der Nacht zum Montag verbreitete der englische Rundfunk die Nachricht, die Besatzungszonen seien endgültig festgelegt. Bis zum 4. Juli seien die Truppenbewegungen abgeschlossen. Schon in der Nacht war starker Verkehr auf den Straßen. Lange Kolonnen amerikanischer Kraftwagen fuhren nach Westen. Am Freitag und Sonnabend war bereits der größte Teil der Pößnecker Besatzung abgezogen. Heute Montagvormittag sind russische Truppen in Pößneck eingerückt.
 
3. Juli: Die gestern in Pößneck angekommenen russischen Truppen waren nur eine Vorausabteilung. Heute Dienstag hatten sämtliche Häuser in Pößneck roten Flaggenschmuck, Transparente mit Willkommengrüßen waren über die Straßen gespannt. Große russische Truppenmassen zogen durch die Stadt.
 
Noch vieles ließe sich anführen aus dem späteren Jahresverlauf, so die Maßnahmen und Befehle der russischen Militärverwaltung zur Ankurbelung der Wirtschaft, es ließe sich berichten über die Gründung der antifaschistischen Parteien, über den Versuch der Herausgabe eines Mitteilungsblattes, das einmalig am 16. Juli erschien, über die Neugründung von Zeitungen, über den begonnenen Wiederaufbau, über die Maßnahmen zur Säuberung der Verwaltung von nazistischen Elementen, über die durchgeführte Bodenreform, über Ankunft von Ostumsiedlern und anderes; aber darüber haben die neuen Zeitungen bereits berichtet. Der Zweck der Tagebuchnotizen sollte nur eine Rückschau auf die letzten Monate der schwersten Zeit sein, wie sie unsere Stadt erlebte und wie es aus keiner Notiz der seinerzeitigen nazistischen Zeitungen zu entnehmen ist. Mit Schrecken und Erbitterung denken die meisten besonders an die letzte Hälfte der 12jährigen nazistischen Zeit zurück. Noch ist die Zahl der Familien überaus groß, die um einen leiben Angehörigen oder gar um mehrere in großer sorgender Ungewissheit sind. Die neue Zeit wird allmählich die Wunden heilen. Heilig aber sei der Wille, am Neuaufbau der Heimat, Deutschlands, nach besten Kräften mitzuhelfen, und heilig sei das Gelöbnis, alles zu tun, um für die Dauer die Wiederholung eines Elends wie des vergangenen zu verhüten.
 
Aus: "Tribüne für Pößneck", Nummer 46 (30) vom 31. Dezember 1945.